Das Loch, wo du warst. (ein Rückblick)

Vorhin noch habe ich mit „bestem Gewissen“ versichert, dass es mir heute gut geht. Dass ich heute das Gefühl habe, dass ich gut bin, wie ich bin. Ich war mir dessen sicher. Für einen Moment, fast absurd der Gedanke, es könnte anders sein. Wie öfter in letzter Zeit. Meine Gedankenwelt ist ein wahnsinnig wackliges Konstrukt geworden.

45 Minuten später: Ich habe eine ganze Menge gegessen. Eine? Mehrere! Wie auch immer: eine zu große. Habe dann angefangen Alkohol trinken zu wollen. Wieder der selbe Mist, das selbe Szenario alleine zuhause. Ich habe nichts vor. Lernen kann ich immer noch die Tage. Nichts. Dieses Gefühl kommt so plötzlich. Vorhin noch hatte ich das Gefühl voll die Kontrolle über mein Leben zu haben – eine fast erwachsene, selbstbestimmte Frau, die ihr Leben einfach lebt. Ich habe den Tag über für meine Prüfungen gelernt (Selbstwirksamkeit^100) und dann zu Mittag gegessen und danach …. nur noch prokrastiniert. Da fing das innere Spannungsgefühl wohl an. Vielleicht habe ich mehr Stress in Bezug auf die Prüfungen als ich es mir selbst eingestehe? Die Grenzen zwischen Prokrastination und Depression sind fließend. Prokression. Deprokrastination.

Ich frag mich dann, was kann man machen in diesem Leben? Ich habe Listen geschrieben, die mir Antworten auf diese Frage geben. Aber nichts davon kann man abends alleine zuhause machen. Zumindest nicht in dieser Stimmung. Da ist ein Loch, irgendeine Lücke, die vor der ganzen „Essen ist mein größtes Hobby“- Phase noch nicht da war. Seitdem ich meine Zeit nicht mehr so sehr in die Auseinandersetzung mit Lebensmitteln, Nährwerten und co. stecke, ist da dieses Loch. Vielleicht zu vergleichen mit dem Gefühl in einer jahrelangen Beziehung gesteckt zu haben, die so symbiotisch war, dass man unterdessen das andere Leben verworfen hat. Die Beziehung jedenfalls ist kompliziert geworden, dann auseinander gegangen. Vielleicht gar nicht mal so schmerzlich an sich, aber was bleibt, ist dieses Loch. Und das fühlt sich an wie ne Endstation. Alles, was ich mir vorstelle jetzt gerade zu machen, fühlt sich an wie Ablenkung. Als wäre der Sinn von allem Möglichen was wir tun nur die Ablenkung, die Blendung, das Aushalten eines Lebensstils, der uns doch widersagt. Oder eines Lebens, das nicht für uns gemacht ist. Komischer Gedanke, aber wenn der Gedanke ein Gefühl zu umschreiben versucht, ist er legitim. Es fühlt sich dann an wie in soner Matrix, und uns wird da dieser Film vorgestellt. Dieser Katalog an Aktivitäten, aus denen man sich welche aussuchen kann, damit man halt beschäftigt ist. Wirf den Ratten nur genug Futter in den Käfig, dann sind die abgelenkt. Ja, und eine dieser Ratten bin halt ich. Nur am Essen, weil der Kopf dann nicht im Leben ist, sondern auf der Zunge. Und jetzt gerade wünsche ich mir das zurück – die Zeit, in der ich mich 24/7 mit Essen auseinandersetzen konnte, mit Kalorien und Nährwerten und Restriktion. Das war einfacher, das war auch Ablenkung, aber wenigstens eine, die funktionierte… Das Essen an sich funktioniert nicht mehr, nur für einen Moment und dann trifft es mich doppelt hart. Denn ich muss so langsam mal aufhören zuzunehmen. Ich sehe den rollenden Stein und er rollt in die Richtung eines Gewichts, das ich niemals akzeptieren werde. Also besser jetzt aufhören mit dem Scheiß. Ein bisschen weniger wäre doch schön. „Hör verdammt nochmal auf so etwas zu denken.“, sagt mein klarer Kopf nüchtern. „Okay“, denke ich, und rattere weiter….

Was ist mein Wert? Wie kann ich irgendeinen Wert für diese Welt darstellen? Was kann ich leisten? Für wen kann ich da sein? Da ist ein Potential in mir, irgendwo, ganz tief, aber ich weiß damit nichts anzufangen. Empathie…gut zuhören können. Was bringt mir das? Gestern dieser Film…. Irgendwie messen wir uns alle eine riesige Bedeutung zu, dabei sind wir nur einer von vielen. Wir sind die Masse. Von oben betrachtet winzig klein. Wie Strichcodes. Eine Masse, die dazu getrieben ist völlig gleich zu leben und zu arbeiten und Hobbies nachzugehen und dann zu sterben. Dieses Gefühl, dass der einzelne irrelevant ist, kommt manchmal plötzlich. Wenn ich mich einsam fühle zB. Dann messe ich mir vielleicht auch nicht genug Wert bei, um damit nach Hilfe zu fragen. Wobei ich da auch eh nicht wüsste, wonach genau ich fragen könnte. Ich kann so etwas schwer in Anspruch nehmen… Andererseits fehlt es mir, dass irgendwer MICH braucht. Darin liegt mein Wert. Vielleicht…

Und wenn dann diese Grübelattacke vorüber ist, denke ich darüber nach wie viel ich gegessen habe und merke, wie schlecht es mir damit geht und wie fett ich werde und dass ich bald eine andere sein werde und …

und…………

……………..und

…und……..

………..und ………………..und

…und jetzt lese ich diesen Eintrag im klaren Kopf nochmal und schäme mich. Wahrscheinlich würde ich sogar den ein oder anderen Gedankengang leugnen. Bitte? Sowas denke ich doch nicht! Aber das darf ich nicht. Nur, weil mein mindset codeswitching betreibt, heißt das noch lange nicht, dass es nicht real war. Das kann wiederkommen, jederzeit. Wenn der klare Kopf mal Pause macht vom Funktioneren…

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Aufmerksamkeit – unsere wertvollste Ressource

1) Hyperaufmerksamkeit

„Auf einem Bildschirm ist das Tor zur Zerstreuung nur einige Zentimeter und einen Klick entfernt“ (Berzbach, 2015, S. 80).
Ein Übermaß an Positivität bedeutet in erster Linie ein Übermaß an Reizen, Informationsquellen und Impulsen. Durch eben dieses Zuviel an Reizinformationen über einen längeren Zeitraum kommt es auf Dauer zu einer Veränderung der menschlichen Aufmerksamkeit. Eine fragmentierte Wahrnehmung oder auch Zerstreuung entsteht. Der Reizüberfluss in der modernen Zeit führt dazu, dass sich die subjektive Aufmerksamkeit vom Strom der Reize abhängig macht. Berzbach (2015) geht davon aus, dass die Menschen vordergründig oft glauben, sie seien gestresst, weil sie so viel zu erledigen hätten; bei genauerer Betrachtung müsse man aber feststellen, dass sie eigentlich unter einem zu aktiven Geist leiden, dem ständig etwas Neues einfällt, was es angeblich noch zu tun gibt (S. 29). Zur echten Bedrohung wird die Hyperaufmerksamkeit dann, wenn sie auch im privaten Kontext existiert. Durch das ständige Erreichbar-Sein und die mediale Dauerbeschallung, ist man heute an eben diesem Punkt angelangt. Han (2013) spricht davon, dass heutzutage nur eine geringe Toleranz für Langeweile existiere (S. 28). Diese verlorene Toleranz ist eine bedeutsame negative Auswirkung der neuen Aufmerksamkeitsform. Was aus ihr nämlich resultiert, ist das „Unvermögen, einem Reiz Widerstand zu leisten, ihm ein Nein entgegenzusetzen. Sofort reagieren und jedem Impuls folgen ist bereits eine Krankheit, ein Niedergang, ein Symptom der Erschöpfung“ (Nietsche, 1980 zit. nach Han, 2013, S.41).

Immer weiter machen ist eine Form von Müdigkeit.

Abundance!

Ich habe mich in letzter Zeit wieder oft in der scheinbaren Leere des Lebens verloren. Trotzdem gibt es immer wieder Momente der absoluten Fülle. Momente, in denen ich spüren kann, dass ich lebendig bin – mit Leib und Seele. Abundance. Ein Beispiel:

Mein Körper bewegt sich im Takt meines hüpfenden Herzens, wenn die Bässe der Musik durch meine Magenwand wummern. Wo sonst der Drang nach maßlosem Gefülltsein von Außen herrscht, ist jetzt … Leichtigkeit. Ich kann spüren wie meine Fußsohlen den Boden berühren und ihn immer wieder verlassen – abheben. Und wenn der Beat dropt, lassen all die Gedanken in mir nach und ich kann plötzlich fühlen statt denken, fließen statt stagnieren. Bescheuert breit grinsend muss mein Gesicht aussehen, als ich dich anblicke und in meiner Euphorie auch noch sehe, dass wir auf gleicher Frequenz laufen. Wie eine harmonische zweite Stimme gesellst du dich zur Sprache meiner Rhythmik. Was wir machen ist egal, wie wir aussehen erst recht und wohin es geht ist irrelevant.

Ich glaube ich habe das „dance“ in Abundance gefunden.

 

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Absch(l)ießen.

Ich bin gut darin Türen offen stehen zu lassen. Den obligatorischen „Katzenspalt“ zu wahren. Ich lasse alles offen und wundere mich dann, wenn ein kalter Wind hindurchzieht. Ein unruhiger Geist, der seinen Standort nicht fest bestimmen möchte. Ein Zustand, der im Kern nach Beständigkeit schreit und doch zu unruhig ist, um festzuhalten. Zu schwach vielleicht.

Diese Stadt hat mich verändert und dieses Jahr, dieses 2017, hat mich zur Strecke gebracht. Wie kann sich in so kurzer Zeit so viel ändern – im Inneren, wo doch nach Außen alles gleich blieb?

Ich möchte jetzt abschließen. Mit den Dämonen in meinem Kopf. Mit dem Geleitetsein von Gefühlen anderer, denen ich folge wie ein Magnet ohne eigenen Standpunkt. Mit fehlender Empathie mir selbst gegenüber. Mit der Idealisierung anderer Menschen und der dann folgenden Abwertung meiner selbst. Mit dem Verdrängen von Gefühlen, die doch irgendwo in zuckerverklebten Arterien vor sich hinpochen. Ich möchte abschließen mit der Anstrengung sozial sein zu müssen und mein Lächeln zu wahren, nur wegen des Gedankens, dass mich eben jenes ausmacht. Ich möchte nicht mehr in Gedanken die Ausrichtung meiner Mundwinkel hinterfragen müssen. Das bedeutet Abschließen mit dem Willen ein sozialer Dienstleister zu sein und Abschließen mit dem zwanghaften Füllen der Lücke. Die Lücke zwischen Sätzen und Themen, die Lücke der Stille im Raum zwischen uns. Die Lücke irgendwo im Körper, vielleicht in der Magengegend, vielleicht aber auch ganz woanders. Ich möchte abschließen mit der Amöbe und mit dem Gefühl nicht auszureichen, wenn ich bald so viel wiege, wie man nun einmal zu wiegen hat. Ich möchte abschließen mit unnötigen Gedankenspiralen zu irrelevantem Zeug, allen voran: Lebensmittel. Mittel um zu Leben – was kann das sein?

Ich möchte versuchen an den Kern zu kommen.

Denn wenn ich diese Türen nicht wage zu verschließen, werden sich niemals neue für mich öffnen können.

Ich schließe jetzt ab. Mit diesem Jahr. 2017 war nicht gut zu mir.

ICH war nicht gut zu mir.

Aber das wird. Alles wird.

2018.

 

Leistung und Sozialleistung

Wenn ich mich beschreibe, beschreibe ich mich häufig aus den Augen von anderen – also wie andere mich sehen, welche Rolle ich in Gruppen einnehme etc. (deswegen bin ich mir wohlgemerkt nicht sicher, ob ich für mich weiß, wer ich eigentlich bin)  Wenn ich mich durch die Augen der anderen beschreiben sollte, würde ich mich jedenfalls durchweg positiv beschreiben. Und just in diesem Moment wird mir bewusst: Ich fühle mich, wenn ich das so schreibe, als würde ich eine von mir durchgeführte Intervention evaluieren. Als sei ich eine Sendung und ich betrachte nun die Einschaltquote oder die Likes meiner Facebookseite oder den Feedbackbogen zu verschiedenen Interaktionen mit mir innerhalb meines Freundekreises. Ziel: positive Einschätzungen, positive Rückmeldungen. Positive Persönlichkeit.

Ich will doch nur funktionieren.

Diese Leistungsgesellschaft hat mich geschluckt…mit Haut und Haaren. Ich habe den Leistungsgedanken heruntergebrochen, bis nur noch winzig kleine Splitter davon blieben und diese atmete ich ein. Und ohne es zu merken schneide ich mich nun daran, obwohl es nach außen hin doch top zu funktionieren scheint. Es funktioniert und ICH funktioniere. Ich funktioniere für meine Freunde als zuverlässige, empathische, top Freundin. Für Fremde als angenehmer Mitmensch, der freundlich lächelt und sich entschuldigt für alles und nichts. Ich funktioniere für die Uni und den Job und trage einen Hoodie, dessen Kaputze mit der Angst etwas Falsch zu machen gefüllt ist und diese zieht mich immer weiter nach Hinten. Mein Kopf wird schwer. Wenn ich genau nachfühle, stehe ich schon recht wackelig auf den Fersen.

Meine Therapeutin und ich sprachen über die Schule. Die weiterführende Schule ist die Zeit, in der ich mich so sehr verändert habe und wenn ich genau überlege muss das die Phase gewesen sein, in der mich das System geschluckt hat. Am Anfang liebte ich es hinzugehen, aber mit der Zeit bemerkte ich die Ungerechtigkeit, die dem Schulsystem innelag und das machte mich wütend und stellenweise fassungslos traurig. Besonders unfaire Benotungen und deren Auswirkungen auf das Leben machten mich zornig (und das, obwohl ich tendenziell auf der besseren Seite der Medaille stand, denn meine Noten waren ganz gut eigentlich). Da begann sich also etwas zu reiben in mir. Denn auf der einen Seite fühlte ich diese Rebellion in mir, auf der anderen Seite war ich die Unsichere, die Pflichtbewusste, die niemanden enttäuschen wollte und anfing zu weinen, wenn sie die Hausaufgaben vergessen hatte. Ich war schon immer zu lieb. Auf Klassenfahrten hatte ich nie das Zimmer verlassen, während sich andere eine Etage tiefer in die Jungszimmer schlichen. Ich glaube irgendwann kam der Punkt, wo der Hass gegenüber der Schule größer und die Rebellion immer realistischer wurde – dann aber kam der Nachmittagsunterricht – Schule bis halb 6. Und mit einem Mal war ich ausgenoggt. Die Last wurde schwerer, weil ich ja doch irgendwie angepasst sein wollte, um niemanden zu enttäuschen. Das Leben begann ausschließlich aus Schule zu bestehen und diese Ohrfeige traf mich hart und disziplinierend. Ich konnte nicht mehr. Die Rebellion war lediglich ein wütender Gedanke in meinem Kopf und ein zorniges Pochen in der Brust, dass mit zunehmendem Leistungsdruck nach und nach im Keim erstickt wurde. Vielleicht richtete ich sie gegen mich? Ich habe jedenfalls gelernt zu funktionieren – unter allen Umständen. Ich nahm mir eine Zeit lang vor selbst Lehrerin zu werden, um ihnen zu beweisen, dass es anders geht, aber auch diesen Gedanken verwarf ich, weil mir inzwischen die Überzeugung meiner eigenen Ideologie verloren gegangen war. Es erschöpfte mich zunehmend. Nach der Schule konnte ich meist nur noch im Bett liegen (und natürlich Hausaufgaben machen – das musste schließlich sein), ich gab alle meine Hobbys auf und Freunde traf ich auch nicht mehr viel.

Soziales beschränkte sich auf Unternehmungen am Wochenende in größeren Gruppen. Ich bekam das Gefühl auch für meine Freunde funktionieren zu müssen und so kam es, dass ich mich nach und nach von den einzelnen Personen distanzierte. Ich begann mir Ausreden einfallen zu lassen, um nichts mit ihnen allein machen zu müssen. Mit meinen besten Freunden wohlgemerkt. Bei Gruppenaktivitäten war ich gern dabei, da hatte ich das Gefühl nichts „abliefern“ zu müssen. Ich begann mich hinter sozialen Gruppendynamiken zu verstecken und das passiert mir auch heute noch. Ich bin ungewöhnlich aufgeregt vor Treffen zu zweit und habe dann häufig das Gefühl eben jenes unter krampfartigen Umständen „positiv“ gestaltet bekommen zu müssem (natürlich für den ANDEREN, NICHT für mich). Nicht selten spiele ich aus Angst vor peinlicher Stille ( die da ruft: „Wir haben uns NICHTS mehr zu sagen. Ich bin so ein uninteressanter Mensch, mit mir kann man gar nicht gut reden. Wir werden bald nicht mehr befreundet sein, es wird langsam und schleichend Auseinandergehen und wir werden es totschweigen.“) den Alleinunterhalter und fühle mich danach dann kaputt und erschöpft. Aber das ist zweitrangig, Priorität no. 1: Freundschaft aufrechterhalten. Leistung für heute erbracht. Niemand verlässt mich. Ich schaukel das schon! Ich bin eine gute Freundin, mit der man sich gerne trifft. Listen im Handy bezüglich möglichen Gesprächsthemen versuche ich inzwischen zu vermeiden, aber es kommt doch noch ab und an vor. Wie kann man nur so unsicher sein? Im Zweiergespräch steht man ständig unter Beobachtung. Man MUSS etwas tun, sagen, gucken…sein. Wie wirke ich? Sind meine Mundminkel oben? Sehe ich interessiert aus? Worüber könnten wir reden? Oh fuck, ich höre gar nicht zu, wovon spricht sie? Es ist ein Dilemma. In einer Gruppe hat man die Möglichkeit all dies zu tun, aber man kann ebenso gut von der Bildfläche abtauchen. Der Witz ist: das tue ich ja nicht einmal. Wenn ich in Gruppen bin und der Druck bezüglich Kommunikation wegfällt, bin ich plötzlich genau so, wie ich es gerne auch im Zweiersetting wäre: offen, ehrlich, lustig. Ich nehme mich einfach nicht so ernst. Zu zweit ist es wie eine Evaluation: a) Wie gut kennen wir uns noch/ Wieviel wissen wir vom aktuellen Leben des anderen? b) Wieviel Gesprächsstoff haben wir? (Oder haben wir uns sogar EINFACH NICHTS MEHR ZU SAGEN?) c) Wie „deep“ sind wir miteinander? Habe ich das Gefühl, dass wir uns nahe stehen? Diese Punkte werden ausgewertet und was natürlich klar wie Kloßbrühe ist: Wenn einer der Punkte nicht positiv beantwortet werden kann, liegt es natürlich an mir. Freundschaftsleistung zu gering in letzter Zeit. Shit. Und in meinem Kopf ist die Freundschaft dann entweder quasi schon hinüber („Es war eine gute Zeit, aber wir sind nun einmal alles nur Reisebegleiter…“) oder ich beiße mir in den Arsch, reiße das Ruder herum, kitte die Freundschaft unter Tränen und Schweiß und nur, um mir zu beweisen, dass ich ne gute Freundin bin und der andere mich weiterhin als Freundin haben will. Nicht unbedingt, weil ICH die Person unbedingt in meinem Leben haben muss.

Das System hat mich geschluckt.

Und ich bin unterdessen so geworden, wie ich bin.

 

Wir sind zu dritt.

Ich – das sind wir drei.

Ich soll meine Essstörung verkörperlichen, mir ein Gegenüber suchen statt die Stimme mir selbst zuzuordnen. Gut, jetzt habe ich dieses ekelhafte Fiech an der Backe. Meine Amöbe. Die Amöbe jedenfalls ist ANA. Das ist diejenige, die sagt: „Bist du dir wirklich sicher, dass du das jetzt noch essen willst?“, „Dreh lieber mal die Packung um und check die Nährwerte“ oder „Wisch lieber mal die Pfanne mit nem Zewa aus“. Manchmal sagt sie „Du hast es verkackt, was kannst du eigentlich?“ und „Hör sofort auf damit, verdammt oder iss halt weiter, aber dann gefälligst SO viel, dass du davon kotzen kannst!“ So böse ist sie oft aber gar nicht. Meist ist die gar nicht so schlimm. Manchmal verstehe ich sie sogar…Das Problem: Die Amöbe ist subtil und schreit nicht „HALLO ICH BIN DIE MAGERSUCHT“. Sie ist ja schließlich eine Amöbe

(Die Amöben (gr. αμοιβή amoibe ‚Wechsel‘) oder Wechseltierchen sind eine Gruppe von Einzellern, die keine feste Körperform besitzen, sondern ihre Gestalt laufend ändern).

Sie tut oft so, als würde sie mir helfen wollen. A la „Ich mache nur hier und dort eine kleine Randbemerkung. Ignorier mich ruhig…..aber…. wow, 18g Zucker auf 100g.“ Wenn ich es dann trotzdem esse, sagt sie zwar „Guten Appetit“ aber lächelt dabei echt verschmitzt, weil sie weiß, dass das schlechte Gewissen in mir nicht auszustellen ist. Sie will mir schließlich Gutes. Dass ich mich gesund ernähre, auf meinen Körper höre und nur das esse, was ihm etwas gibt – Nährstoffe, Vitamine, Ballaststoffe – all die schönen Dinge, deren Hintergründe ich leider viel zu gut kenne inzwischen. Gesunde Ernährung ist ne super Sache, keine Frage. Aber ich glaube der Amöbe geht es nicht darum. Sie nimmt das als Vorwand. Wieso sollte sie mir sonst zu chemischen Süßstoffen raten, die garantiert ungesünder sind als jeder raffinierte Zucker? Oder Weißmehl…das tut mir ja nichts. Das weiß ich auch. Wo wir dann bei mir wären.

Das bin ich. Ich bin diejenige, die weiß, dass Zuckerkonsum nicht gleich zu Diabetes führen muss und dass Fett wichtig für den Erhalt lebensnotwendiger Funktionen ist. Und dass Avocados zwar nen Haufen Kalorien haben, aber trotzdem super sind. Oder Tahina. Ich bin diejenige, die weiß, dass Weißmehl zwar leere Kohlenhydrate sind, aber die tun mir ja nichts! Weißmehl tut mir nichts. Und Zucker auch nicht. Ich guck mich um…und sehe: Alle tun es! Alle. Nachts Pommes essen oder Waffeln backen, in der Mensa einen Nachtisch nehmen (hab ich ja noch nie gemacht) oder Limonaden Trinken – ohne dabei die Verpackungsrückseite zu studieren! „Ich guck das nur so aus Interesse“ – das stimmt ja irgendwie auch. Aber dieses Interesse ist einfach nicht mehr gesund. Ich lösche diese Zahlen einfach aus meinem Kopf. Festplatte formatieren. Intuitiv Essen. Klingt einfach, gel? Ich weiß auch nicht, wo das Problem an der Sache ist. Ich bin vernünftig und reflektiert. Wie kann so Jemandem wir mir so etwas passieren? Ich habe seit geraumer Zeit eine Amöbe an der Backe, die versucht sich in mein Betriebssystem einzuhacken; oftmals schafft sie es sogar. Besonders dann, wenn ich mich umgucke und sehe, dass die Leute eben nicht nur Limonade trinken und Pommes essen, sondern sich nur einen Salat bestellen oder ein Wasser oder so Dinge sagen wie „Nein danke, ich hab schon gegessen“ oder „Ich hab seit 6 Stunden nichts mehr gegessen, voll vergessen“ oder „Ich probiere gerade Lowcarb Rezepte aus“. Das findet die Amöbe ganz besonders … inspirierend.

Naja, da wären wir also zwei. Die Amöbe und ich. Aber seit geraumer Zeit gibt es da noch …. es. Dieses etwas, für das ich weder einen Namen, noch eine Gestalt gefunden habe. Das ES ist schwer zu greifen. Eines weiß ich: es ist der genaue Gegenspieler von ANA. Es treibt mich dazu, all das zu essen, was sie mir immer auszureden versucht. All das und noch viel mehr. Wie auch jetzt.

Die Amöbe schreit mich an „Alter was ist in dich gefahren, hör mal auf damit jetzt!! Disziplinier dich gefälligst!“ und ich guck sie an und bin auf einmal voll auf ihrer Seite und sag ihr dann „Du hast sowas von Recht. Aber ich hab doch auch keine Ahnung, man. Das bin ich nicht…das ist der da!“ und zeige auf ein geschwülstiges Wesen, das depressiv in der Ecke kauernd sitzt und sich gedankenverloren alles in den Mund schiebt, was um ihn herumliegt. Das Licht ist gedimmt. „Sollen wir mal versuchen zu fragen was los ist?“, schlage ich verunsichert vor und ANA versichert mir, wir würden die Situation schon gemeinsam in den Griff kriegen. „Alles wird gut“, sagt sie tröstend und streicht mir über die Wange. „Das ist kein Zustand gerade.“… Wir nähern uns vorsichtig an und als es uns bemerkt, schreckt es auf. Für einen kurzen, weirden Moment gucken wir uns an – die Amöbe und ich auf der einen Seite, das Wesen auf der anderen. Dann senkt es den Kopf und widmet sich schmatzend erneut dem Essen zu. „Was ist denn hier los, verdammt nochmal?!?“ fängt die Amöbe an zu keifen. Ich stoße ihr meinen Ellenbogen in die Seite und gebe ihr damit das Zeichen, dass das echt unsensibel war und sie vorerst still sein soll um mich mit ihm reden zu lassen. Ich sage „Hey. Hey, du. Kannst du mir sagen, wieso du so viel isst?“ Es schweigt. „Was isst du denn da genau? Ist das lecker?“ „Nein“, sagt es. „Und wieso isst du es dann immer weiter?“, frage ich vorsichtig. Für einen kurzen Moment hält es inne und sagt dann „Ist eh alles egal. Was spielt das schon für eine Rolle?“. Da kann die Amöbe sich nicht mehr zurückhalten und es platzt aus ihr heraus: „ES HAT RECHT“, schreit sie plötzlich los. „Verkackt! Verkackt hast du! Jetzt ist es auch egal dann. Scheiß drauf. Morgen ist ein neuer Tag. Ich gebe dir eine Chance, EINE letzte. Morgen kannst es nochmal versuchen, aber für heute, mein Lieber, für heute hast dus verkackt.“ Sie dreht sich zu mir und sagt schnippisch „Ihr ähnelt euch.“. Da frage ich mich plötzlich, wieso ich mit der Amöbe hier reingekommen bin, so als wären wir ein Team. Als hätte ich je so sehr auf ihrer Seite gestanden? Einer dieser Momente, in denen sie mich immer wieder um den Finger zu wickeln weiß. Das Wesen jedenfalls hat unter der Ansprache der Amöbe angefangen zu weinen und tappt jetzt nervös Richtung Küche, um sich etwas neues zu besorgen. „Trink Milch. Und Salz.“ gibt die Amöbe einen lieb gemeinten Tipp. Das Wesen krümmt sich vor Schmerzen. „Ja? Magst du mir helfen mich besser zu fühlen?“, fragt es. Und die Amöbe ist mit einem Mal plötzlich ganz euphorisiert und bietet ihm eine ganze Palette an Möglichkeiten an, sich von dem eben angefutterten Ballast zu befreien. „Also entweder du steckst dir 2-3 Finger in der Hals, oder ne Zahnbürste oder du trinkst die halbe Flasche Schnaps da oder wenn das alles gar nicht geht zumindest ein paar Abführmittel, oder eben Milch und Salz. Aber das muss dann auch wirklich raus, sonst wird das richtig gefährlich mit dem ganzen Salz im Organismus und….“ sie plappert weiter und weiter und das Wesen scheint dabei einen Hoffnungsschimmer zu verspüren, denn seine feuchten Augen werden trocken und es scheint ganz begeistert von der Amöbe zu sein (die ihn zuvor noch angeschrien hatte). ‚Charakterstark‘, denke ich abwertend. Gerade noch dachte ich, ich hätte Mitleid mit dem Kleinen. Aber jetzt, wo ich die beiden so zusammen Arm in Arm Richtung Toilette torkeln sehe, denke ich nur noch: In was für einem Irrenhaus bin ich hier gelandet?

 

Ich seh das jetzt!

 

(der persönlichste Eintrag seit jeher, aber ich muss das jetzt mal schreiben)

Die Essstörung in meinem Kopf und was es da so Neues gibt.

Heute: Wahrnehmungsveränderungen (krasser Scheiß)!

 

Gerade verändert sich echt viel.

Neulich guckte ich mir die Fotos an, die ich in meiner physisch schlechtesten Zeit von meinem Körper gemacht habe (noch in meiner alten Wohnung, heißt – Sommer 2016 grob). Und es war das erste Mal so, dass ich diese Fotos ansah und erkannte, dass das, was ich da sah, dünn war. Sehr dünn. Nicht gut dünn, sondern … gruselig irgendwo. Auf manchen noch okay (vielleicht sogar ein bisschen hübsch?), auf anderen absolut erschreckend. Wie auf den Pro Ana Seiten. Bisher guckte ich mir die Fotos immer an und sah ein ganz normales Mädchen. So sehr ich mich auch anstrengte … ich sah die Person auf dem Foto schlank, aber nicht zu dünn oder sonst etwas. So sehe ich nunmal aus, dachte ich. Das war nie anders. Das  … BIN ich. Jetzt gucke ich das an und erkenne mich selbst kaum wieder. Ich habe das Gefühl meine Wahrnehmung hat sich tatsächlich verändert. Die Therapeutin hat nicht gelogen – es verändert sich etwas im Kopf, wenn sich der Körper berappelt. Ich kann das jetzt sehen! Das Staubgewicht. Auf den Fotos. (mega gut, mega wichtig)

Das ist nicht gesund.

 

mde

Welchen Wert hat ein Sixpack, wenn der Geist keinen Halt findet?

 

Dafür – und das ist schlecht – hat sich meine Wahrnehmung in Bezug auf den Hier-und-Jetzt-Zustand ebenfalls verändert. Ich sehe mich viel beleibter als ich bin, glaube ich. Zumindest ist das die Rückmeldung meines Umfeldes. Ich fühle mich einfach so… viel. Meine Hüften … Bald ist da keine Lücke mehr zwischen den Oberschenkeln – wenn ich beide Beine anspanne, ist sie schon weg ganz oben am Ansatz. Die Fronten sagen „Hallo“ zueinander und gehen auf erste Tuchfühlung. Körperliche Veränderung fand ich schon immer schwer zu copen irgendwie. Und jetzt? Fühlt es sich so an „normal“ zu sein?

Es ist irgendwie seltsam. Ich kann mir nicht vorstellen noch mehr zuzunehmen. Ich tue es trotzdem. Ich versuche einfach nicht dran zu denken. Ich will gesund sein. Ich will essen um zu Leben und nicht andersherum. Ich will wieder Zugriff auf mein Potential haben. Aber das ist schwer…Ich hab angefangen mich mit Leuten zu vergleichen. Zurzeit springen mich ihre Figuren und Umrisse an – auf den Straßen, in den Medien.

Und es ekelt mich so an, dass sich mein Kopf überhaupt um so etwas dreht.

Als wäre ich ein völlig oberflächlicher Mensch. Als gäbe es nichts wichtigeres.

Das sieht mir gar nicht ähnlich.

 

bty

„Preis“ enthält hier eine völlig neue Bedeutung!

 

Gerade eben habe ich nochmal Fotos durchgeguckt – diesmal normale, keine Zweckaufnahmen. Februar 2016 – Südostasien, da habe ich das hier gefunden…

Dürr_LI

Fuck.

Und ihr habt euch keine Sorgen gemacht?

Mir hat das heute Angst gemacht….Und das muss schon etwas bedeuten.

 

Abend. 21:04

Es fühlt sich an wie ein Kampf.

Ich kämpfe. Meist am Abend. Mit mir selbst und dem Leben. Mit Gefühlen, die ich nicht fühle und Gedanken, die sich kaum ordnen lassen. Ich kämpfe mit der Empathielosigkeit mir selbst gegenüber. Mit Bedürfnissen, die ich mir nur allzu zaghaft eingestehe und Bitten, die ich nicht wage auszusprechen. Ich kämpfe gegen das Leben und mit meinem Körper gegen ihn selbst. Der Pazifist. Harmonieliebend und friedenstiftend – zieht in den Kampf mit dem Ziel diesen Abend zu bestehen. Wie Schwimmen gegen die Strömung, wie Aushalten ohne Anlass. Die Waffen, die ich habe, nützen mir nichts. Sie sind mir zugesprochen – von anderen (und ich danke ihnen dafür, denn sie geben mir eine Vision, an der ich festhalten kann) – aber noch sind sie genau so wenig real existent wie der Hunger zwischen meinen Rippen.

Gleich ist der Kampf wieder gekämpft. Dann neigt der Abend, der Feind, sich dem Ende zu und ich kann ins Bett. Hoffentlich verdrängen, dass es wehtut – so physisch – und das Licht ausknipsen. Klappe zu. Der Abspann läuft und wird verschluckt vom Schwarz, dass den Krieger bis zum nächsten Tag wieder einsatzfähig machen wird. Und dann werde ich die Augen aufschlagen und kaum glauben können, was war. Blick nach vorne gerichtet. Naiv in den Tag hineinlebend – Richtung Abend.

„Du bist hart, du willst streiten“ (Marteria)

oder auch „Hallo i bims, k1 pflegeleichter Mensch.“ 

 

Ich streite. So laut ich kann.

Gegen die Wand.

Dann klopft der Nachbar mit dem Besen.

„Ruhe da“. Na Gott sei Dank.

Ich machte mir etwas vor, wenn ich behauptete, das Anfeinden von Wänden sei eine priorisierte und von Wohlempfinden gezeichnete Situation für mich. Nennen wir sie „weird“. Aber gut – was raus muss, muss raus. Oder bleibt drin. Halb so wild – ich bin für Frieden jeglicher Art, somit auch für Hausfrieden.

Ich zicke rum. So viel ich will.

Ich meine zu meinen, dass ich gar nicht will

so bleibt es still.

Der Nachbar wird merken, dass ich doch keine so schlechte Nachbarin bin.

Ich machte mir etwas vor, wenn ich sagte mir wäre der Nachbar als Mensch gesehen wichtig. Vielleicht sogar dann, wenn ich behauptete ihn je im Flur gesehen zu haben. …Wer wohnt hier eigentlich?

 

Ich diskutiere. Gebe kontra wo ich kann.

Das Kuscheltier hat keine Gegenargumente.

HA!!! Gewonnen. Wusst ichs doch.

Ich kann das schon.

 

Trockenübungen.

Sind wie die Realität

nur nicht ganz so nass.

Nichtmal feucht.

Einfach ungeil.

Ich schmeiß das Kuscheltier gegen die Wand.

Höre von unten das Klopfen des Nachbarns.

Recht hat er.

Was für eine Unruhestifterin.

 

Die kleinen Demonstranten in meinem Herzen werden mit Wasserwerfern zum Schlafen gebracht.

Morgen bin ich hart, morgen will ich streiten.

Ich könnte dafür rausfahren … auf eine Wiese oder so.

Ein genialer Plan.

 

Der 13.11. war kein Tag.

 

Mittags habe ich noch nie Bier getrunken. In so einer Stimmung

bin ich noch nie zum Supermarkt gegangen. Heute ist alles anders.

Ein sich wehrender Körper gegen Maßnahmen des Wiedergutmachens.

Befrei mich von diesem Ballast!

Lass das raus!

Lass das raus!

Ich hab nur einen Wunsch: Lass das RAUS!

Bleibt drin.

Dieser Körper funktioniert doch echt in keiner Disziplin so wie es normal wäre.

Blockade der Kehle.

Ich erstick an meinem Inhalt.

Vorhin noch an der Leere.

Jetzt hab ich etwas Handfestes – das ist besser!

Macht Sinn. Oder?

Ersticken bleibt Ersticken.

Vertragen wir uns. – Ja?

 

Ich muss weniger allein sein. Raus in die reale Welt.

Weniger Highs, die führen zu Tiefs. Mehr Realismus.

Der 13.11. war kein Tag. Bis hierhin.

Ich geh gleich raus.

Und dann vertrag ich mich mit mir und der Welt.