Parallelwelten

So manch einer würde behaupten, das Leben sei einfach so (als Gegeben) anzunehmen. Der Alltag, die Abläufe, die Kontake – alles fließt so. Alles ist da.

Aber das Leben ist weder selbstverständlich noch fließend. Es ist wie ein Meer, dass in seiner Unberechenbarkeit wartet, bis sich jemand freudig planschend in die Wellen stürzt. Manche lässt es treiben, andere zieht es hinein und mit ein wenig Pech, da reißt es dich in seine Tiefen.

Und die Tiefen, die habe ich gesehen.

Heute war ich über vier Stunden in der Klinik bei einem Freund. Von seinen Erzählungen kann ich nur müde erahnen wie tief es wirklich geht. Aber es geht.

Und es hinterlässt ein Gefühl von Ehrfurcht. Und den Gedanken daran,  in welchen Parallelwelten Menschen doch leben können. Denn während wir hier sitzen und froh darüber sind, überhaupt noch Puls zu spüren, planen andere ihre Karriere, fahren Autos in die Waschstraße und Kinder in den Sportverein. Während wir froh sind, unser Lachen an diesem Tag noch zu hören,  regt sich woanders jemand über eine Lappalie auf und noch jemand anders hinterfragt ungläubig die Existenz von psychischen Erkrankungen.

Wie sind wir hier gelandet?

 

 

Wolken bei Nacht

Es war später Abend, als wir uns entschieden in den Park zu fahren. Das war bevor du mir mit Vorfreude im Gesicht erzähltest, der Tank sei halb voll, wir könnten nun wohin auch immer wir wollten. Es ergab sich, dass die Zufriedenheit gar nicht allzu weit lag, so fuhren wir in den Park. Die Dunkelheit umgab uns, die angekündigten Glühwürmchen blieben aus. Doch wir fanden ein Gerüst auf das wir kletterten, dessen Metallstreben unsere Körper (er)trugen und uns über der Stadt thronen ließen. Es war still, nur das Rauschen der schwarz gefärbten Bäume und unsere Stimmen. Ich entdeckte ein Bild am Himmel im Negativ der Wolkendecke – Nichtwolken, wie ich sie nenne.

„Guck mal, die Nichtwolke dort sieht aus wie eine Schwalbe!“ „Oder wie ein Anker.“, sagtest du und ich fragte mich darauf warum wir in etwas gleichem wohl so etwas anderes sahen.

„Du sehnst dich nach der Freiheit, die du dir nie erlaubt hast. Ich sehne mich nach der Beständigkeit, die ich nie hatte.“

Wir zitterten vor Kälte und wir wussten dass es stimmt.

Versionskonflikt – wer bin ich?

Ich habe mich verändert. Sehr. Ich habe mich von meinem Freund getrennt, mit dem ich seit Jugend an meine Lebensvision gesponnen hatte. Ich habe 20 Kg zugenommen. Ich habe inzwischen Sex – etwas, von dem ich niemals dachte es jemals haben zu würden. Ich bin inzwischen unvernünftiger. Ich rauche. Manchmal streite ich. Ich habe mich verändert. Sehr. Und ich habe das Gefühl diese Veränderung passiert schneller als ich selbst hinterherkommen kann. Mit Verarbeiten. Ich habe inmitten dessen keine Ahnung mehr, wer ich bin. Wer bin ich? Ich wusste genau wer ich war und was mich ausmacht. Jetzt ist alles fluide. Die Grenzen sind aufgesprengt – das ist gut, das ist gesund. Man sollte keine Geisel seines eigenen Selbstbildes sein. Aber ich fühle mich schwebend in diesem Zwischenzustand, nicht zu wissen wo ich jetzt hingehöre. Irgendwie innerlich aufgerieben, reibe ich an mir selbst und an anderen. Ich mag diese Reibung nicht, sie macht mich trocken. Wie ein Peeling, das zwar erst die abgestorbenen Hautschüppchen herunterschrubbt – endlich Luft zum Atmen! – aber bei weiterem Gebrauch auch gesunde Hautpartien angreift. Ich habe Angst mich abzureiben, bis ich mich im Spiegel nicht mehr erkennen kann. Gleichzeitig Angst zurück in das Gefängnis meiner Selbst zu fallen.

Die größte Verwirrung: Die Frage nach dem Gesunden/ Ungesunden. Ich kann nicht mehr klar einteilen in gesund und ungesund. Hier ein paar Beispiele:

Elemente, die mensch als „gesund“ einstufen würde:

Gesunde Ernährung – durch meine Essstörung kann gesunde Ernährung manchmal genau der falsche Weg für mich sein (weil es leicht zwanghaft wird) während das Essen von „ungesunden“ Lebensmitteln für meine Psyche gesund sein kann, weil sie den Zwang lockern

Sport – gleiches Spiel, auch Sport kann aufgrund seiner Verbundenheit mit der Kalorienthematik und der Überforderung meines Körpers manchmal nicht der gesündeste Weg für mich sein (und das obwohl Sport bei Depressionen ja so gut sein soll – einfach verzwickt!)

Elemente, die mensch als „ungesund“ einstufen würde:

Drogen – meine Therapeutin hat mir mal gesagt, ich solle doch ruhig mal eine Zigarette rauchen, weil sie genau weiß, dass eins meiner größten Probleme ist, dass ich zu streng zu mir selbst bin und mir viel Verhalten lang verboten habe….dass ich selbst mein strengster Kritiker bin und mich nie ungesund verhalten würde ohne darauf von einem schlechten Gewissen gejagt zu werden. Aber ungesund heißt hier körperlich ungesund. Bei mir stehen diese beiden Dinge „für den Körper gesund“ und „für die Psyche gesund“ oft in Konflikt, weil sie manchmal einfach nicht miteinander übereinstimmen.

Und weil manches Ungesunde gesund für mich ist und manches Gesunde ungesund, neige ich dazu mich in den Extremen zu verlieren. Weil ich irgendeine Sicherheit brauche. Auch wenn es nur die ist, sich am einen Rand des Spektrums zu befinden.

WordPress schreibt „Versionskonflikt“ & ich gebe ihm da recht, denn

Ich bin einfach nur noch verwirrt.

Update: Einfach gut vs. Rückfall

Die letzte Zeit war einfach gut.

Ich habe eine Reise gemacht, auf der ich so fürsorglich zu mir war wie lang nicht mehr. Ich habe Zugriff zu Emotionen bekommen, die ich mein Leben lang mit aller Kraft heruntergeschluckt habe. Wut, vor allem Wut. Mit ihr kam ein Selbstbewusstsein, das mir neu war und ist. Ich habe in keiner Minute Lebensmüdigkeit empfunden. Welch ein Geschenk! Und welch ein Lichtblick. Könnte es sein, dass ich mich am Dreh- und Angelpunkt meines Genesungsprozesses befinde? An dem ich sehr sensibel darauf achten muss die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidung für mich immer und immer wieder zu treffen. Gefühle zu fühlen und auszuleben statt sie zu verdrängen. Vielleicht habe ich jetzt die Chance alle Fehler der Vergangenheit wieder wett zu machen. Da ist zumindest eine Schicht erreicht, ein Reservoir, das Heilung verspricht, wenn es denn nicht wieder zugebuddelt wird.

Umso schlimmer. Ein Rückfall. Den ich mir wie folgt erklären kann: Am Wochenende fand ich mich in zwei Situationen wieder, in denen ich nicht zu mir stehen konnte, wie ich es gewollt hätte.

Eine Freundin berichtete mir unter Tränen enttäuscht zu sein, darüber, dass wir nur noch so wenig Kontakt haben. Ich wusste ihre Emotionalität zu schätzen, sie zeigte mir, dass ich Menschen tatsächlich etwas bedeute. Andererseits wusste ich, dass das die Situation definitiv nicht besser machen würde. Druck. Ich versuchte mental dagegen anzugehen und mir vor Augen zu rufen, warum ich mich so wenig meldete – weil ich mich ausgelastet und dadurch gestresst fühle (sie wohnt in einer ganz anderen Stadt). Es entstand dennoch ein Konflikt in mir. Der Entscheid für mich würde bedeuten ihre Bitte zu ignorieren und weiterhin darauf zu achten, was mich stresst und/oder gut tut, auch wenn das kein regelmäßiger Kontakt zu ihr ist. Die vertrauten Verhaltensmuster wären allerdings Nachzugeben und sich so richtig ins Zeug zu legen den Kontakt wieder aufzubauen. In dem Wissen sich vielleicht ab jetzt jedes Mal mit dem ekelhaften Beigeschmack bei ihr zu melden, es nur wegen ihrer Bitte zu tun. Wie oben erwähnt: Ich muss jetzt die richtigen Entscheidungen treffen. Für mich. Aber ich habe Angst davor. Angst Menschen zu verlieren, Angst vor Konflikten und Anschuldigungen. Ich fürchte, ich kann nicht gesund werden, wenn ich weiterhin darauf bedacht bin nicht anzuecken. Ich muss anecken. Ich habe Ecken und Kanten, ich bin menschlich.

Und dann war da noch die Sache mit dem Sex. Sexualität ist für mich ein ganz schwieriges Thema, denn in meiner vergangenen 6-jährigen Beziehung gab es den nicht. Ohne an dieser Stelle in die Tiefe darauf eingehen zu wollen, kann man sich vielleicht vorstellen, wie viele negative Emotionen über diese lange Zeit in mir vergraben wurden. Am Wochenende kam es zu einer Situation, in der mir (nett) gesagt wurde, ich müsse mehr Eigeninitiative zeigen. Und da erlebte ich ein Flashback, das sich gewaschen hatte. All die Schuldgefühle der vergangenen Jahre strömten in meinen Körper und legten Tränen frei, die ich bis dahin nicht mal hätte kommen sehen. Mein (Ex-)Freund hatte mir selbiges vor langer Zeit schon einmal gesagt. Er hatte dabei geweint und das, obwohl er das nie tat. Ich realisierte wie sehr ich einer geliebten Person mit meinem Verhalten wehgetan hatte. Der Schmerz durchschüttelte meinen Körper. So viel verdrängtes Material. Und da begann dann auch der Film in meinem Kopf erneut zu rattern, den ich eine Zeit lang nicht gesehen hatte (TW): Ich bin ein Problem. Ich bin anstrengend für Menschen, die mir nahe stehen. Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden. Ich passe nicht rein. Ich bin ein fucking Problem. Ich hasse Sex. Ich hasse diese Welt. Und vor allem hasse ich mich, dafür, so kompliziert zu sein.

Recht impulsiv kam da wieder eine Wut hoch (wie oben erwähnt, an sich eine gute Sache), aber diesmal richtete sie sich gegen mich selbst. Ich hätte mir gern hart gegen den Kopf geschlagen, um die Gedanken zu beenden oder mich wenigstens dafür zu bestrafen, wie ich bin. Irgendwann legte es sich und ich konnte dem Gedankenstrudel durch Dazutun der anderen anwesenden Person entkommen. Aber der bittere Beigeschmack der Schuld auf meinen Schultern blieb.

– Essen – 

Jetzt zum Rückfall: Ich sollte mir wieder Nutella kaufen, so meine Therapeutin ein paar Tage zuvor. Ich – sehr motiviert meine Genesung nun aktiv anzugehen – kaufte einiges an Fearfood ein und spürte meinen Respekt vor der Situation, mit diesen Sachen alleine zuhause zu sein (Gedanken wie „Der Feind ist im Haus.“) aber dennoch war ich ungewohnt optimistisch. Das Ende der Geschichte: Ein Rückfall der richtigen miesen Art. Übelkeit und Selbsthass. Warum? War es einfach nur die Anwesenheit der Lebensmittel oder hatte ich zuvor nicht ausreichend für mich gesorgt? Ich könnte mir gut vorstellen, dass es ohne die Ereignisse des Wochenendes nicht dazu gekommen wäre. Vielleicht habe ich die Wochenendsgefühle in Anteilen ja doch wieder verdrängt? Auf jeden Fall ist mein Selbstbewusstsein nun wieder eingeknickt. Ich fühle mich sensibel und bedürftig.

 

Schuhe.

 

Diese Schuhe stehen nicht mehr im Flur.

Und die weißen Sohlen eben jener auf dem Foto lassen mich sentimental werden.

Dazu dein Lächeln. Welch breite Vertrautheit mich da anstrahlt.

Dein Blick ist mir vertraut. Jedes Muttermal. Deine Knie, deine Hände.

Deine Stimme kenn ich mehr als jede andre. Dieses Lachen klingt nach uns.

Deine Wange ist meiner Handfläche entrissen, inmitten der Unstimmigkeit unserer zwei.

Weiß ich doch trotz allem noch wie weich sie war. Und wie richtig in meiner Hand.

Dein Leben ist mir fremd geworden. In kürzester Zeit unsauber herausgeschnitten aus dem meinen.

Und jetzt brauch ich Kreativität und einen Kopf voll Optimismus, um mir auszumalen, was dort hineinpassen könnte. Etwas, das mein Leben neu beflügelt und gut sein kann und wird.

Und trotzdem wird das nie die selben Schuhe tragen wie du.

Ich muss dein Lachen durch einen Fremdkörper ersetzen. Denn noch klingt jedes nach uns.

Seine Küsse sind nicht deine. Seine Haut ist weich, doch weich warst auch du, vielleicht weicher, ja wahrscheinlich, ja ganz gewiss.

Mein Kribbeln ist nicht da, nicht so wie ich das kenne.

Ein Stück davon ist noch immer bei dir.

Hängengeblieben in der Idee von uns.

In meiner ersten Liebe.

 

Spiegel.

 

Der Spiegel fiel zu Boden

tausend Reflexionen

tausend Mal mein Haupt geplagt

jetzt Stockwerke hinabgejagt

ich mag das nicht mehr sehen

will nur fühlen, nicht verstehen

warum dieses oder das

auf mein Abbild kein Verlass

Die Waage brach in Stücke

als ich von mir selbst entrückte

und verstand, dass Sehnen mehr

kommt von meinem Innern her

und die Leere sich kaum fülle

durch den Anblick einer Hülle

also schaut ich endlich in mich rein

in der Hoffnung frei zu sein